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Fremdbild und Selbstbild

25.06.2010

Das Phänomen dürfte jeder Coach kennen. Noch ehe man die erste Einheit so richtig gestartet hat, fallen Sätze wie diese: “Das sollten Sie mal unseren Vorgesetzten erzählen!” oder “Eigentlich müssten unsere Chefs hier sitzen, die hätten es nötiger.” Nicht selten wird auf diese Weise aus einem Seminar zum Thema “Wie führe ich meine Mitarbeiter?” eine Veranstaltung mit dem Titel: “Wie führe ich meinen Vorgesetzten?”

Wenn ich nun von Umfragen lese, in denen Führungskräfte so gar nicht zufrieden mit dem Entscheidungsverhalten ihrer Chefs sind, weil diese oft schon eine Lösung im Kopf haben und nur noch der Form halber die Mitarbeiter einbinden, dann wundert mich das erst mal nicht. Wenn dann das obere Management gefragt wird, was es denn vom Entscheidungsverhalten im eigenen Unternehmen hält, und dieses dann ganz zufrieden ist, dann wird daraus schnell gefolgert, dass hier offensichtlich Fremd- und Selbstbild weit auseinander klaffen. Ist das so?

Noch einmal zurück zu unseren Seminarteilnehmern. Würde man tatsächlich die nächste Ebene im Seminar sitzen haben und fragen, wie es denn so um das Führungsverhalten steht, so beschweren diese sich auch massiv über ihre Chefs.
Und das setzt sich nach oben weiter fort. Findige Coaches lassen diese Diskussion eine Weile laufen und fragen dann ganz arglos: “Was glauben Sie denn, würden Ihre Mitarbeiter sagen, wenn wir sie hier im Seminar hätten?” Meist ist dann einen Augenblick Ruhe, und schon bald meldet sich der erste und gesteht ein, dass die Mitarbeiter vermutlich Ähnliches über sie berichten würden. Worauf sich eine Diskussion über die Rahmenbedingungen anschliesst, dass man oft ja gar nicht anders kann usw. usw.

Das Selbstbild ist also gar nicht so weit weg vom Fremdbild. Vielleicht wird ja oft nur falsch gefragt. Statt alle Ebenen das Gleiche zu fragen (“Wie zufrieden sind Sie mit…”) wäre es mal interessant zu fragen: “Was glauben Sie, wie zufrieden Ihre Mitarbeiter mit Ihrem Führungsverhalten sind?” Ich schätze, dass dann Fremdbild und vermutetes Fremdbild weitaus enger beieinander liegen.